Welche Wege es gibt, den eigenen Eintrag zu überprüfen
Offen dazu, was Sie selbst herausfinden können und was nicht.
Stellen Sie sich vor: Ein deutscher Unternehmer landet im Frühjahr 2026 für eine entscheidende Vertragsunterzeichnung in einem Land außerhalb der EU. Alles läuft nach Plan. Doch bei der Passkontrolle wird er plötzlich und ohne Erklärung in einen separaten Raum gebeten. Stunden vergehen. Dann der Schock: Eine seit über einem Jahr bestehende „Red Notice“ von Interpol, veranlasst durch einen ehemaligen Geschäftspartner, hat gerade zu seiner vorläufigen Festnahme geführt.
Einfach online nachsehen, ob Interpol Sie sucht? Das geht nicht. Der einzig verlässliche Weg, um herauszufinden, ob Interpol Daten über Sie verarbeitet, führt über ein offizielles Auskunftsersuchen an die „Commission for the Control of INTERPOL’s Files“, kurz CCF. Dieses Gremium agiert als unabhängige Kontrollinstanz zum Schutz der Rechte von Einzelpersonen. Eine solche Überprüfung ist überlebenswichtig, denn eine unbemerkte Ausschreibung – insbesondere eine Red Notice – kann weltweit zu Reiseverboten und zur sofortigen Festnahme bei jeder Grenzkontrolle führen.
Interpol-Ausschreibung („Notice“) – Ein internationales Ersuchen um Zusammenarbeit oder eine Warnung, die von Interpol auf Antrag eines Mitgliedslandes an die Strafverfolgungsbehörden weltweit verteilt wird. Es handelt sich nicht um einen internationalen Haftbefehl, sondern um ein Fahndungsinstrument, dessen Wirkung vom nationalen Recht des jeweiligen Landes abhängt.
Commission for the Control of INTERPOL’s Files (CCF) – Ein unabhängiges Kontrollgremium, das sicherstellt, dass die Verarbeitung personenbezogener Daten im Interpol-Informationssystem mit den geltenden Regeln vereinbar ist. Es ist die zentrale Anlaufstelle für Personen, die Auskunft über ihre Daten erhalten oder deren Löschung beantragen möchten.
Was genau ist eine Interpol-Ausschreibung und was bedeutet sie rechtlich?
Zuerst das Wichtigste: Eine Interpol-Ausschreibung ist kein internationaler Haftbefehl. Interpol selbst hat keine Ermittlungs- oder Exekutivbefugnisse. Die Organisation ist vielmehr eine globale Koordinationsstelle für die Polizeibehörden ihrer 196 Mitgliedstaaten, ihre Beamten führen selbst keine Verhaftungen durch. Die Ausschreibung dient als Kommunikationsmittel und basiert fast immer auf einem nationalen Haftbefehl oder einem richterlichen Beschluss, wie etwa einem Europäischen Haftbefehl. Die eigentliche Umsetzung, also eine mögliche Festnahme und Auslieferung, obliegt allein den nationalen Behörden des Landes, in dem die gesuchte Person angetroffen wird.
Artikel 3 der Interpol-Verfassung setzt der Tätigkeit der Organisation dabei enge rechtliche Grenzen. Er verbietet es Interpol strikt, sich mit Fällen zu befassen, die einen politischen, militärischen, religiösen oder rassischen Charakter haben. In der Praxis kommt es jedoch immer wieder vor, dass autoritäre Staaten versuchen, das System für genau solche Zwecke zu missbrauchen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat deshalb in wegweisenden Urteilen wie M.K. v. France klargestellt: Die automatische Umsetzung einer Red Notice ohne angemessene richterliche Prüfung kann Grundrechte, insbesondere das Recht auf Freiheit, verletzen.
Wie stelle ich einen offiziellen Antrag zur Überprüfung meiner Daten bei Interpol?
Der einzig korrekte Weg zur Überprüfung Ihrer Daten führt über die bereits erwähnte Commission for the Control of INTERPOL’s Files (CCF). Nur ein direkter Antrag bei diesem Gremium liefert eine erschöpfende und verbindliche Auskunft. Alles andere ist Spekulation.
So gehen Sie Schritt für Schritt vor:
Antragsformular beschaffen: Laden Sie das offizielle Formular „Request for access to INTERPOL’s files“ von der Interpol-Website herunter. Dieses ist in den offiziellen Sprachen von Interpol (Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch) verfügbar.
Identität nachweisen: Legen Sie eine gut lesbare Kopie eines gültigen Ausweisdokuments bei, zum Beispiel Ihren Reisepass oder Personalausweis. Ohne diesen Nachweis wird der Antrag sofort abgewiesen.
Vollmacht bei anwaltlicher Vertretung: Falls ein Anwalt den Antrag für Sie stellt, was dringend zu empfehlen ist, muss eine von Ihnen persönlich unterzeichnete Vollmacht beigefügt werden.
Begründung formulieren (optional): Für ein reines Auskunftsersuchen ist keine detaillierte Begründung nötig. Eine kurze Darlegung des Kontexts kann aber dennoch hilfreich sein, um dem Antrag Gewicht zu verleihen.
Unterlagen einreichen: Senden Sie die vollständigen und unterschriebenen Dokumente per Post an die Adresse der CCF in Lyon, Frankreich:
Commission for the Control of INTERPOL’s Files 200 quai Charles de Gaulle 69006 Lyon, France
Geduld ist hierbei unerlässlich. Die Bearbeitung eines reinen Auskunftsersuchens bei der CCF dauert erfahrungsgemäß zwischen vier und neun Monaten. Das bedeutet: Reichen Sie den Antrag im Januar ein, sollten Sie frühestens im Mai mit einer Antwort rechnen – planen Sie also bevorstehende Reisen oder Geschäftsabschlüsse entsprechend vorsichtig. Als Antwort erhalten Sie eine schriftliche Bestätigung, ob Daten über Sie im Interpol-Informationssystem (IIS) gespeichert sind. Falls ja, wird Ihnen mitgeteilt, um welche Art von Ausschreibung es sich handelt und welches Land den Eintrag veranlasst hat.
Welche Arten von Interpol-Ausschreibungen gibt es?
Interpol nutzt ein Farbsystem, um den Zweck und die Dringlichkeit einer Ausschreibung klar zu kennzeichnen. Während die Red Notice mit Abstand am bekanntesten ist, existieren weitere wichtige Kategorien mit sehr unterschiedlichen Folgen.
| Farbe der Ausschreibung | Zweck und Bedeutung |
|---|---|
| Red Notice (Rot) | Ersuchen an die Strafverfolgungsbehörden weltweit, eine Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen, mit dem Ziel der Auslieferung. Basiert auf einem gültigen nationalen Haftbefehl. |
| Blue Notice (Blau) | Dient der Sammlung zusätzlicher Informationen über die Identität, den Aufenthaltsort oder kriminelle Aktivitäten einer Person im Zusammenhang mit einer Straftat. |
| Green Notice (Grün) | Dient als Warnung und zur Übermittlung von Informationen über Personen, von denen angenommen wird, dass sie Straftaten begangen haben und eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen könnten. |
| Yellow Notice (Gelb) | Hilft bei der Suche nach vermissten Personen (oft Minderjährigen) oder bei der Identifizierung von Personen, die sich nicht selbst ausweisen können. |
| Black Notice (Schwarz) | Dient der Identifizierung von unbekannten Leichen. |
| Purple Notice (Lila) | Liefert Informationen über den Modus Operandi, Gegenstände, Vorrichtungen und Versteckmethoden von Kriminellen. |
Was kann ich tun, wenn eine ungerechtfertigte Ausschreibung gegen mich besteht?
Sollte die CCF bestätigen, dass eine Ausschreibung gegen Sie vorliegt, und Sie halten diese für unrechtmäßig, können Sie in einem zweiten Schritt einen Antrag auf Korrektur oder Löschung der Daten stellen. Dieser Antrag ist ungleich komplexer und erfordert eine stichhaltige juristische Begründung.
Häufige Gründe für eine erfolgreiche Löschung sind:
- Die Ausschreibung verstößt gegen Artikel 3 der Interpol-Verfassung: Sie ist in Wahrheit politisch, militärisch, religiös oder rassisch motiviert. Dies ist ein zentraler Hebel, der oft in Fällen von Aktivisten, Journalisten oder ehemaligen Regierungsbeamten relevant wird.
- Es droht eine Verletzung von Menschenrechten: Das Strafverfahren im ersuchenden Land missachtet fundamentale Rechte wie das Recht auf ein faires Verfahren, etwa bei drohender Folter oder einem rein politisch motivierten Schauprozess. Urteile des EGMR, wie im Fall Smirnova v. Russia, untermauern die Bedeutung dieser Schutzmechanismen.
- Die Tat ist nicht schwerwiegend genug: Gemäß den Interpol-Regeln (Rules on the Processing of Data, RPD) muss einer Red Notice eine „schwerwiegende Straftat des allgemeinen Rechts“ zugrunde liegen. Bagatelldelikte rechtfertigen keine derart drastische Maßnahme.
- Der Eintrag leidet unter formalen Mängeln: Der zugrunde liegende nationale Haftbefehl könnte fehlerhaft, bereits aufgehoben oder die Tat nach nationalem Recht verjährt sein.
Die Argumentation für eine Löschung erfordert tiefgehende Kenntnisse des Interpol-Regelwerks sowie der internationalen Rechtsprechung. Hier ist die Zusammenarbeit mit einem auf internationales Strafrecht spezialisierten Anwalt unerlässlich, um eine fundierte und überzeugende Strategie zu entwickeln und die Erfolgsaussichten zu maximieren.
Dieser Artikel wird von einer unabhängigen juristischen Informationsplattform zu Informationszwecken veröffentlicht und stellt keine Zugehörigkeit zu Regierungsorganen, internationalen Organisationen oder offiziellen Behörden dar oder erhebt diesen Anspruch.
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